IVTS Expertenrat

Homepage des IVTS e.V. Impressum Kontakt

Was ist das Tourette-Syndrom?

Unter dem Tourette-Syndrom versteht man eine Erkrankung, die sich häufig im frühen Kindesalter manifestiert und dadurch gekennzeichnet ist, dass die Betroffenen vermehrt eine Reihe von Bewegungen durchführen. Das kann verschieden Körperteile, kann aber auch die Sprache betreffen.

Nicht selten kommt es zumindest im Laufe der Erkrankung zu begleitenden Erkrankungen, die man eigentlich sonst eher aus dem Bereich der Psychiatrie kennt, Erkrankungen, die heute unter dem Begriff des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms zusammengefasst werden. Manche Betroffenen können auch nach der Zeit unter anderen Begleiterkrankungen leiden, einer Zwangserkrankung beispielsweise oder auch Depressionen.

Wichtig ist noch in der Abgrenzung von anderen Tic-Erkrankungen, die durchaus auch Menschen betreffen können, die nicht unter einem Tourette-Syndrom leiden, dass die Symptome über länger als ein Jahr anhalten.

Was ist ein Tic?

Ein Tic ist eine Bewegungsstörung, bei der abrupte, kurz dauernde Bewegungen durchgeführt werden, die an sich von jedem gesunden Menschen auch durchgeführt werden können, die aber nicht einen bestimmten Zweck verfolgen. Zum Beispiel kurzzeitiges Blinzeln, Zucken mit der Schulter, Bewegungen der Lippen oder der Beine, auch kurze sprachliche Äußerungen können auftreten.

Worin unterscheidet sich der Tic von einer Marotte?

Der Tic betrifft oder unter dem Tic versteht man im medizinischen Sinn eine Bewegungsstörung, bei der bestimmte Charakteristika erfüllt sind, eine Bewegung, die kurz ist, akut und abrupt auftritt, die nicht zweckgerichtet ist, die im Prinzip auch von Gesunden durchgeführt werden können und häufiger von den Betroffenen als einem inneren Zwang folgend angesehen werden.

Bei einer Marotte, dieser Begriff stammt ja eigentlich eher aus der Umgangssprache, bei der Marotte würde man eher von einer Angewohnheit sprechen. Bei der Tic-Erkrankung kann man davon ausgehen, dass im Gehirn verschiedene Prozesse ablaufen, die letztlich für den Betroffenen, ohne dessen Möglichkeit einzugreifen, ablaufen.

Können Betroffene ihre Tics unterdrücken?

Ja, das ist ein ganz wichtiges Merkmal. Betroffene können Tics unterdrücken, durchaus für mehrere Minuten, gelegentlich auch für einige Stunden. Es ist nicht selten so, dass im Anschluss an die Unterdrückungsphase dann aber die Tics etwas deutlicher wieder zum Vorschein kommen.

Das ist aber ein ganz wichtiges Merkmal, um Tics zum Beispiel von anderen Bewegungsstörungen, epileptischen Bewegungsstörungen oder anderen zu unterscheiden.

Welche Ursachen haben Tics?

Es ist heute noch nicht vollständig geklärt, welche genauen Mechanismen zu Tic-Erkrankungen führen. Wir haben aber eine ganze Reihe von Einzelbefunden, die darauf hinweisen, dass bestimmte Regelkreise im Gehirn, die die inneren Kerngebiete des Gehirns, nämlich die Basalganglien und den Thalamus mit der Hirnrinde verbinden, gestört sind.

Warum es zu dieser Störung kommt, ist bislang aber noch nicht genau geklärt. Wir gehen aber davon aus, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt, deren Details sicherlich in den nächsten Jahren noch weiter aufgeklärt werden können.

Ist das Tourette-Syndrom heilbar?

Heilbar ist das Tourette-Syndrom im engeren Sinn nicht. Dem steht entgegen, dass wir bis heute nicht ganz vollständig verstanden haben, welche Prozesse im Gehirn das Tourette-Syndrom auslösen und leider stehen bis heute keine kausalen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung.

Andererseits kann man davon ausgehen, dass das Tourette-Syndrom sehr häufig einen durchaus günstigen Spontanverlauf hat und dadurch die Beeinträchtigung für die Betroffenen durchaus im Verlauf der Erkrankung geringer wird.

Ist das Tourette-Syndrom erblich?

Es gab vor einigen Jahren die Vorstellung, dass das Tourette-Syndrom tatsächlich einem einfachen Erbgang folgt. Diese Vorstellungen sind mittlerweile widerlegt. Wir wissen aber zum Beispiel aus Zwillingsuntersuchungen und aus anderen Familienuntersuchungen, dass es gewissen Häufungen geben kann. Insofern spielen genetische Faktoren sicherlich eine Rolle.

Es sind einige Genorte verschiedener Chromosomen identifiziert, die möglicherweise eine Rolle spielen. Wir denken aber, dass nicht einer dieser Genorte alleine die Erkrankung hervorruft. Aber eine gewisse familiäre Häufung scheint es durchaus zu geben.

Hat jeder Betroffene die selben Symptome?

Patienten mit einem Tourette-Syndrom gleichen sich nicht. Es kann sehr wohl unterschiedliche Muster geben. Es gibt Patienten, bei denen Symptome besonders häufig im Gesichtsbereich auftreten, zum Teil auch die Augen betreffen. Andere Patienten zeigen eher sprachliche Äußerungen und Lautäußerungen, Bewegungen der Schultern und anderen Körperregionen.

Es gibt bestimmte Regionen des Körpers, die insgesamt häufiger betroffen sind. Dazu gehört beispielsweise die Kopf-Halsregion und auch die Augenregion. Aber das Muster von Patient zu Patient kann sehr wohl sehr unterschiedlich sein.

Wie viele Menschen leiden an einer Ticstörung?

Wenn man diese Frage beantworten will, muss man unterscheiden ob man die einfachen Tics betrachtet, die nur kurze Zeit bestehen oder das Tourette-Syndrom betrachtet. Wenn man alle Tics zusammenrechnet, dann sind Tics eine relativ häufige Störung. Man kann davon ausgehen, dass etwa 3 Prozent der Bevölkerung unter Tics leiden. Also 3 von 100 Menschen leiden unter einer Tic-Erkrankung.

Das Tourette-Syndrom, das sich ja unterscheidet auf Grund der Dauer und der Ausprägung der Symptome, auch der begleitenden Symptome, kommt seltener vor. Hier geht man davon aus, dass die Häufigkeit bei etwa 0,7 Prozent liegt, das heißt also nur etwa 7 von 1000 der Bevölkerung unter dem Tourette-Syndrom leiden.

Interessant ist noch, dass es amerikanische Studien gibt, die belegen, dass offensichtlich bei Kindern im Schulkindalter Tics häufig sind. Je nach Betrachtungsweise und Empfindlichkeit der diagnostischen Beurteilung leiden bis zu 30/40 Prozent der Kinder unter 14 Jahren zumindest kurzeitig unter Tics. Die allermeisten dieser Betroffenen weisen aber im weiteren Leben keine Tics mehr auf.

Prof. Dr. med Helge Topka