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Wie werden Ticstörungen diagnostiziert?

Tic-Störungen lassen sich nicht ganz einfach diagnostizieren, weil wir keine Methode zur Verfügung haben, mit der man durch eine leichte apparative Untersuchung durch einen Laborwert oder eine bildgebende Diagnostik wie eine Computer- oder Kernspintomographie die Diagnose stellen kann. Die Diagnose beruht also im Grunde darauf, wie der Betroffene die Beschwerden schildert und die ärztliche Beobachtung, das heißt, auf die klinische Untersuchung durch den Arzt. Vor allem die Einordnung der Bewegungen als Tics ist im Grunde genommen die Grundlage für die Diagnose eines Tic-Syndroms.

Für die Diagnose des Tourette-Syndroms sind weitere Kriterien zu prüfen. Man muss auch davon ausgehen, dass es wichtig ist, andere Erkrankungen, wie zum Beispiel ungewöhnliche Formen einer Epilepsie beispielsweise oder andere Störungen abzugrenzen. Deswegen sind manchmal apparative Untersuchungen notwendig, um sicherzustellen, dass keine andere Ursache zu Grunde liegt.

Die eigentliche Tic-Erkrankung lässt sich aber ohne apparative Methoden diagnostizieren.

Wann treten die ersten Tics auf?

Tics sind typischerweise Erkrankungen des Kindesalters. Wenn man das Tourette-Syndrom zu Grunde legt, so kann man davon ausgehen, dass etwas 96 Prozent, das heißt, nahezu alle Patienten, bei denen man im späteren Leben ein Tourette-Syndrom diagnostiziert, erste Tics zwischen dem 2. und 11. Alter, spätestens dem 21. Lebensjahr beobachtet haben.

Also Tics sind ganz klar eine Erkrankung des Kindesalters.

Welche Arten von Tics gibt es?

Man unterscheidet grob einfache motorische, komplex motorische und vokale Tics. Unter einfach motorischen Tics versteht man abrupt auftretende kurzzeitige Bewegungen, die nur eine Muskelgruppe oder ein Gelenk betreffen. Beispielsweise eine kurze Augenbewegung, seitwärts Wendung der Augen, die dann sofort wieder auf das Ziel fixiert werden, kurzzeitige Zuckungen im Bereich der Schultermuskulatur oder ein kurzes Augenblinzeln.

Unter komplexen motorischen Tics versteht man unwillkürliche Bewegungen, die eine Sequenz von Einzelbewegungen enthalten. Hierzu könnte zum Beispiel während des Gehens eine Bewegung wie beim Bücken auftreten, um einen Gegenstand vom Boden aufzuheben, das kurze Durchstreifen der Haare beispielsweise oder das Richten der Krawatte.

Im Gegensatz dazu gibt es auch Tics, die nicht die Arme oder Beine oder das Gesicht betreffen, sondern den Stimm- und Sprechapparat und dabei zu unglücklichen Lautäußerungen führen. Das können einzelne Laute sein wie manchmal Bellen, Husten, Räuspern, Ähnlichem. Es kann aber auch so sein, dass auch hier komplexe vokale Tics auftreten und dann einzelne Worte geäußert wurden.

Sind Tics das selbe wie das Tourette-Syndrom?

Nein, keineswegs. Einzelne Tics können vorübergehend vorkommen. Dauern sie weniger als ein Jahr an und handelt es sich vor allem um einfache motorische Tics, spricht man von einer transienten oder vorübergehenden Tic-Erkrankung. Dies ist eine Störung, die vermutlich einen relativ großen Teil der Schulkinder im Alter bis zu 11 Jahren betrifft, vorübergehend ist und keiner weiteren Behandlung bedarf.

In Abgrenzung davon gibt es Erkrankungen mit verschiedenen einfachen Tics, bei denen die Symptome länger als ein Jahr anhalten und dann spricht man von einer chronischen Tic-Erkrankung, die aber noch nicht die dritte Gruppe betrifft, nämlich das eigentliche Tourette-Syndrom.

Für die Diagnose des Tourette-Syndroms ist wichtig, dass die Symptome immer in der Kindheit oder Jugend beginnen, ausnahmslos vor dem 21. Lebensjahr. Es sind verschiedenr Tics, die auftreten, mindestens 2 motorische, ein vokaler Tic und die Tic-Störung hält länger als ein Jahr an. Dann handelt es sich also um eine chronische Tic-Erkrankung.

Zusätzlich ist nicht selten zu beobachten, dass Patienten mit einem Tourette-Syndrom unter Begleitsymptomen oder Begleiterkrankungen leiden. Hier kommt vor allem eine Zwangserkrankung in Betracht, außerdem Aufmerksamkeitsstörungen, manchmal auch Folgestörungen wie zum Beispiel eine Depression..

Was bedeuten Koprolalie und Klazomanie?

Unter Koprolalie und Klazomanie versteht man zwei Symptome, die sehr viel Aufmerksamkeit erregen, weil sie einen durchaus spektakulären Inhalt haben und häufig mit dem Tourette-Syndrom in Verbindung gebracht werden. Bei diesen Störungen handelt es sich um vokale Tics: Bei der Koprolalie um die unwillkürliche Äußerung von Schimpfwörtern. Bei der Klazomanie um das unwillkürliche Auftreten von Schreilauten.

Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass diese Symptome zwar durchaus beeindruckend sind, wenn sie denn einen Patienten betreffen, sie aber durchaus eher zu den selteneren Symptomen des Tourette-Syndroms gehören.

Treten mit den Tics auch noch andere Verhaltensprobleme auf?

Bei einfachen Tic-Erkrankungen, bei vorübergehenden Tic-Erkrankungen auch bei chronischen Tic-Erkrankungen ist dies sehr selten. Wobei natürlich Tics aufgrund ihrer Auswirkungen auf das soziale Leben durchaus Folgeerkrankungen hervorrufen können, zum Beispiel Depressionen.

Wenn man aber von Begleiterkrankungen spricht, dann meint man meistens Erkrankungen, die eher aus dem psychiatrischen Formenkreis stammen und die das Tourette-Syndrom begleiten. Hierbei handelt es sich häufig um anderweitige Zwangssymptome, die so ähnlich wie die unwillkürlichen Bewegungen die Betroffenen begleiten. Also eine Zwangssymptomatik kann ein Teil der Symptomatik sein.

Manche Patienten mit einem Tourette-Syndrom leiden auch unter einem Aufmerksamkeitsdefizit. Es gibt andere Patienten, die Persönlichkeitsstörungen entwickeln können und letztlich als Folge, wie besprochen, auch Depressionen aufweisen können.

Warum wird zwischen Ticstörung und Tourette-Syndrom unterschieden?

Es gibt bis heute ja keine Methode, apparativ diese Unterscheidung ganz definitiv zu treffen. Letztlich ist es aber natürlich so, dass eine chronische Tic-Erkrankung zwar andauernd ist, daher der Begriff chronisch, aber letztlich nur einen kleinen Teil des Körpers betrifft. Ganz selten treten nur vokale Tics auf. Wie beispielsweise Betroffene mit einem Räusper-Tic sozial sehr gut eingebunden sein können und daher im Grunde genommen eigentlich unter der Erkrankung nicht besonders leiden müssen.

Im Gegensatz dazu ist das Tourette-Syndrom, allein aufgrund der verschiedenen Tics, die auftreten, aufgrund der vokalen Tics, möglicherweise aufgrund der Begleiterkrankungen, eine Störung, die nicht nur chronisch ist, sondern einen höheren Leidensdruck, eine höhere Beeinträchtigung für den Betroffenen hervorrufen kann.

Haben Tics immer einen chronischen Verlauf?

Tic-Störungen haben keineswegs immer einen chronischen Verlauf. Die bei Kindern häufig anzutreffenden einfachen Tics sind ohnehin transient und vorübergehend und sind nach weniger als 12 Monaten wieder vollständig verschwunden.

Aber auch bei den Betroffenen, bei denen man aufgrund des Schweregrades und möglicher Begleitstörungen von einem Tourette-Syndrom ausgeht, sieht man im Verlauf des Kindes- und Jugendalters durchaus eine eher günstige Entwicklung. So zeigen etwa 50 Prozent, das heißt die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, bei denen man ein Tourette-Syndrom vermutet, zum 18. Lebensjahr keine Symptome mehr und zeigen diese auch nicht mehr im weiteren Verlauf des Lebens.

Also grundsätzlich haben Tics eigentlich, wenn man es von der Kindheit aus betrachtet, eine günstige Prognose. Die Häufigkeit und Schweregrad nehmen im Laufe des Lebens ab.

Gibt es auch Tics aufgrund von psychischer Ursache?

Eigentliche psychische Ursachen als Grundlage für die Entwicklung einer Tic-Erkrankung sind sicherlich eher selten, wenngleich man festhalten muss, dass es nicht nur eine chronische oder vorübergehende Tic-Erkrankung des Tourette-Syndroms gibt, sondern auch eine Reihe von Tic-Störungen, die als sekundär bezeichnet werden. Hierbei spielt tatsächlich eine anderweitige zurückliegende Erkrankung die maßgebliche Rolle.

Man kann solche Bewegungsstörungen sehen, beispielsweise als unerwünschte Wirkungen bei einer antiepileptischen Medikation, bei bestimmten entzündlichen Hirnerkrankungen oder auch nach Unfällen. Aber eine eigentliche psychische Auslösung dürfte eher die Seltenheit sein.

Prof. Dr. med Helge Topka