IVTS Expertenrat

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Was kann man gegen die Tics machen?

Tics stellen von Grund auf nicht automatisch eine Indikation für eine medikamentöse Behandlung dar. Entscheidend ist für mich immer der Leidensdruck, den der Patient mitbringt.

Einige jugendliche Patienten in meiner Praxis haben auch ganz eigene Strategien entwickelt, wie sie mit ihren Tics umgehen. Als Beispiel möchte ich dabei auf ein 17-jähriges Mädchen mit einem Tourette-Syndrom verweisen, das es tagsüber in der Arbeit tatsächlich schafft, alle motorischen und vokalen Tics zu unterdrücken. Abends dagegen sperrt es sich in sein Zimmer und tict dann so richtig los – motorisch und vokal.

Ganz besonders wichtig für mich ist aber zweifelsohne die Aufklärung, Beratung und ärztlich-stützende Betreuung, womit ich versuche, die Kinder und Jugendlichen auch in ihrem Selbstwertgefühl zu bestärken.

Bei einer stark ausgeprägten Tic-Störung mit dementsprechendem Leidensdruck empfehle ich den Eltern aber sehr wohl einen medikamentösen Behandlungsversuch.

Welche Hilfe bieten Selbsthilfegruppen?

Wie bei anderen Selbsthilfegruppen auch kann dem einzelnen Patienten das Gefühl vermittelt werden, dass er mit seinem Störungsbild nicht allein ist. Der gegenseitige Austausch stellt für die Betroffenen zweifelsohne eine Bereicherung im Umgang mit der Krankheit dar. Und schließlich darf der informative Aspekt nicht unterschätzt werden. Viele Mitglieder von Selbsthilfegruppen sind immer up to date.

Gibt es Berufe, die Betroffene nicht ausüben können?

Grundsätzlich sollte jeder Jugendliche mit einer Tic-Störung oder einem Tourette-Syndrom den Beruf anstreben, der ihm Spaß macht. Wieder entscheidet die Ausprägung der Symptomatik, ob der einzelne für diesen oder jenen Beruf geeignet ist. Bei sehr stark ausgeprägten motorischen und/oder vokalen Tics kann ein Beruf mit sehr viel Kundenkontakt jedoch problematisch werden.

Wie kann man sich verhalten, wenn man angestarrt wird?

Ausgehend von meiner Erfahrung kommt es immer auf die Persönlichkeit des Betroffenen an, wie er mit dieser Art von Stigmatisierung umgeht. Am erfolgreichsten waren in meiner Praxis bisher diese Patienten, die sich für die Offensive entschieden haben und die nächste Umgebung über ihr Störungsbild aufgeklärt haben. Ich glaube, dass gerade diese Frage auch von Betroffenen in Selbsthilfegruppen mit am besten beantwortet werden kann.

Kann man mit dem Tourette-Syndrom einen Antrag auf Schwerbehinderung stellen?

Da ein Tourette-Syndrom in den seltensten Fällen alleine auftritt, sondern meist noch andere psychische Störungsbilder vorliegen, stellt sich in so manchen Fällen die Frage, inwieweit eine seelische Behinderung vorliegt, die eine erhebliche Schwere aufweist. Zur Orientierung dienen hierfür auf Bundesebene die sog. „Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit“.

Es sei jedoch nochmals darauf hingewiesen: nicht die Schwere der Tic-Störung oder des Tourette-Syndroms entscheidet über die Frage einer Schwerbehinderung, sondern die aus der Tic-Störung/dem Tourette-Syndrom sich ergebende seelische Behinderung.

Dr. Niebler